Mit Fotoapparat, Feder und Gitarre – Urs Moesenfechtel zum Umgang mit rechten Jugendbünden

Titelbild des Stichwort (2009)In der bündischen Themenzeitschrift STICHWORT des Verlags der Jugendbewegung können Kritiker politisch rechter und völkischer Jugendgruppen ihre Meinung offen vertreten und die Debatte einem breiten bündischen Publikum zugänglich machen.

Der leitende Redakteur der Zeitschrift, Urs Moesenfechtel, im Gespräch mit Maik Baumgärtner und Jesko Wrede über den Umgang mit rechten Gruppen und den Umgang der Verantwortlichen auf Burg Ludwigstein mit reaktionären Bünden.

Herr Moesenfechtel, Sie gehören als Redaktionsleiter der jugendbewegten Zeitschrift STICHWORT zu den schärfsten Kritikern politisch rechter Bünde, wie bewerten Sie die aktuellen Diskussionen?

Die Debatte ist zu einer Expertendebatte geronnen. Ein relativ überschaubarer Kreis reproduziert seit geraumer Zeit die immergleichen Überzeugungen. Da reihen die einen akribisch Belege und Argumente aneinander, die anderen verlieren sich in Andeutungen und Behauptungen. Und dann gibt es noch die „Harmonisierer“, die gar nicht verstehen können, dass sich mal gestritten wird.

Die Kritiker können noch so viele Argumente und Belege vorlegen, die Zweifler, die sich noch mehr „Beweise“ wünschen, überzeugt ohnehin nichts, während die „Andeuter“ regelmäßig Verwirrung stiften und Nebenkriegsschauplätze eröffnen. Sie bringen die Debatte dadurch in Misskredit. Die „Harmonisierer“ verbleiben in ihrer Traumwelt und plädieren weiterhin für einen Schmusekurs.

All das spielt den rechten Bünden wunderbar in die Hände. Sie brauchen meist nicht mehr zu tun, als zu verharmlosen, verschleiern, abzulenken. Selten gehen sie auf konkrete Kritik ein. Das ruft dann wieder die Kritiker auf den Plan, die weitere Belege liefern. Den Bedenkenträgern reichen diese aber immer noch nicht aus … und so weiter und so fort. Außenstehende verstehen irgendwann gar nichts mehr. Meine Befürchtung ist, dass am Ende alles beim Alten bleibt.

Damit das nicht passiert, muss die Debatte den Sprung in die breite, jugendbewegte Öffentlichkeit schaffen. Das schafft sie aber nur, wenn die oben beschriebene Diskussionsspirale durchbrochen wird. Vor allem die Kritiker hätten jetzt die Möglichkeit von den festgefahrenen Rollen abzuweichen. Sicher, das Kernanliegen, entsprechenden Bünden den Platz in der jugendbewegten Szene zu verweigern, dürfen sie nicht aus den Augen verlieren. Aber ihre Vorgehensweise muss sich ändern.

Was erhoffen Sie sich von der aktuellen Debatte?

Zunächst gilt es den Fokus wieder auf das zu richten, wofür man einsteht und nicht wogegen. Die Abgrenzungsdebatte muss stärker eine Selbstverständnisdebatte werden. Und dieses Selbstverständnis will schließlich gelebt und vorgelebt werden. Die in der Debatte formulierten Überzeugungen müssen ihren sichtbaren, greifbaren Ausdruck finden und Eindruck hinterlassen.

Wir Bündischen haben eine lange Tradition darin, uns handwerklich, musisch, kreativ, schreibend etc. auszudrücken. Also würde ich mir wünschen, dass alle, die sich eine Veränderung wünschen, den Fotoapparat, die Feder, die Gitarre, das Werkzeug zur Hand nehmen und weiter am Gemeinschaftswerk einer weltoffenen, kreativen, bunten, demokratischen, emanzipierten Jugendbewegung arbeiten. Die Kritiker könnten dabei der starke Kaffee am Morgen, die Cachón im Gitarrengeschrammel, der Hering am Zelt bei stürmischem Wetter sein. Sie bewegen sich, um andere zu bewegen.

Worin unterscheiden sich völkische oder neurechte Gruppen von demokratischen und weltoffenen Bünden?

Den Unterschied an reinen Äußerlichkeiten festzumachen, ist schwer, wenn nicht sogar unmöglich. Die rechten Bünde bedienen sich des gleichen Sammelsuriums jugendbewegter Accessoires wie viele andere Bünde. Für Außenstehende ist ein Unterschied in der Regel gar nicht zu erkennen. Wenn die mittlerweile verbotene Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) im Fernsehen mit Jujas (Jungenschaftsjacken) gezeigt wird, dann hielten Außenstehende sie für Pfadfinder. Diese Mimikry hat sie sicherlich lange davor bewahrt verboten zu werden. Wenn ich als Redaktionsleiter des STICHWORTS Nichtjugendbewegte für Artikelbeiträge anfrage und fast immer die Frage gestellt bekomme, ob wir denn rechts seien, dann macht mich das sehr traurig und wütend. Das zeigt, dass die Rechten, seien es auch nur wenige, dass Außenbild der Jugendbewegung maßgeblich mitbestimmen. Ich will nicht, dass sie es sind, die auf einmal stellvertretend für die Jugendbewegung stehen.

Ich finde es aber auch nicht richtig, dass wir nun alle unsere Traditionen aufgeben, nur weil Rechte Versatzstücke davon adaptieren. Wir müssen uns dafür engagieren, dass solche Gruppen sich nicht mit unseren Äußerlichkeiten schmücken können, in dem wir gegen diese Gruppen entschieden vorgehen und unsere eigenen Traditionen insoweit aufgeben, wo sie ideale Anknüpfungspunkte für rechte Gruppierungen bieten. Um mich jugendbewegt zu fühlen, brauche ich keinen Fackelzug durch eine ostdeutsche Kleinstadt und Passanten werden mich auch nicht verstehen, wenn ich ihnen sage, wir würden eine Versprechensfeier machen und das wäre jetzt gar nicht das, was sie vielleicht denken. Ich muss keine Landsknechtslieder oder Rotarmistenlieder singen, um mich jugendbewegt zu fühlen. Die Kluft kann man auch so tragen, dass eine Gruppe nicht wie eine paramilitärische Einheit ausschaut. Einige Gruppen tragen auf Singewettstreiten Lederhose, den Halstuchknoten bis fast unters Kinn, tausend Abzeichen am Hemd, ein großes Fahrtenmesser, den Affen (Tornister) auf dem Rücken, die Führerschnur an der Schulterklappe etc. pp. – na, dann ist doch klar, wie sie für Außenstehende wirken. Die Häufung all dieser Elemente ist entscheidend. Jugendbewegung von heute braucht das alles nicht.

Wie erkennt man aber rechte Bünde in den jugendbewegten Reihen?

Auch dafür gibt es keine Anleitung. Und man sollte sehr vorsichtig mit Vorverurteilungen sein. Letztlich geht es darum, was Menschen im Kopf haben und was sie tun. Es ist wichtig, eine generelle Sensibilität dafür zu entwickeln, ob Bünde kritisch mit ihrer eigenen Geschichte umgehen, ob Männern und Frauen feste Rollen innerhalb und außerhalb des Bundes zugewiesen werden oder nicht, ob „Andersartigkeit“ als Bedrohung oder Bereicherung angesehen wird. Bemüht sich eine Gruppe aktiv um Heterogenität? Vielfältigkeit? Oder sind die Möglichkeiten der Zugehörigkeit ethnisch, sozial, religiös beschränkt? Wie viel Unterschiedlichkeit hält eine Gruppe aus? Werden Entscheidungen hierarchisch getroffen und umgesetzt oder basieren sie auf Mitbestimmung und Freiwilligkeit? Gibt es Möglichkeiten aus einer Gruppe auszusteigen, ohne als Konsequenz das gesamte soziale Umfeld zu verlieren? Überbewertet eine Gruppe die eigene Nation? Formuliert sie immer noch „deutsche Gebietsansprüche“ vergangener Zeiten? Hat eine Gruppe Probleme damit, Lieder aus anderen Kulturkreisen zu singen?

Humor und Selbstironie sind vielleicht gute Indikatoren. Kann die Gruppe über sich selbst lachen? Weltoffenheit bedeutet, dass man der Auffassung ist, dass der Mensch ohne festgelegte Verhaltensmuster geboren wird und sich Verhaltenssicherheit in der Welt immer erst erwerben muss. Der Mensch ist nicht für immer festgelegt auf die Zugehörigkeit zu einer Nation, einem Volk, einem Geschlecht, einer bestimmten Sichtweise auf die Welt. Er hat die Möglichkeit der freien Entwicklung, der Veränderbarkeit. Bietet der Bund dem Individuum die Möglichkeit zur freien Entwicklung?

Demokratie bedeutet, dass ausnahmslos allen Menschen die Möglichkeit und Freiheit der Mitgestaltung gewährt werden muss. Konflikte werden auf der Basis gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung gelöst. Jeder Mensch besitzt eine unveräußerliche, individuelle Einmaligkeit, unabhängig von Ethnie, Konfession oder sexueller Orientierung. Weltoffene, demokratische Bünde achten und stärken diese unveräußerliche Einmaligkeit. „Den Mitmenschen als ‚Du’ anerkennen“ (Martin Buber) ist vielleicht ein wichtiges Grundprinzip: Jedem Menschen wird Anerkennung und Respekt gezollt – und das nicht nur, wenn er doch bitte in seinem „Heimatland“ verbleibt, sondern auch dann, wenn er hier neben uns und vor allem mit uns lebt. Schwierig wird es dann, wenn von rechten Bünden diese Weltoffenheit und Demokratie, die Anerkennung, Akzeptanz bewusst eingefordert wird, um antidemokratischem Gedankengut Gehör zu verschaffen. Auf einmal sind es die demokratischen Bünde, die als die eigentlich „Antidemokratischen“ hingestellt werden. Demokratisches Sein bedeutet auch, ein klares NEIN denen entgegenzusetzen, die in besonders perfider Art und Weise die demokratische Offenheit dazu nutzen, ein Gedankengut zu transportieren, das letztlich dieses Selbstverständnis in Frage stellt.

Sie waren lange Zeit für einen toleranten Umgang mit den Verantwortlichen auf Burg Ludwigstein. Mittlerweile fordern auch Sie einen Kurs- und Personalwechsel? Wie kam es dazu und was erhoffen Sie sich davon?

Offenheit gegenüber Gruppen verschiedenster Art bedeutet für mich nicht, dass man Gruppen Tor und Tür öffnet, die diese Offenheit letztlich in Frage stellen. Ich war anfangs für eine Offenheit, weil mir nicht klar war, wie problematisch diese Gruppen wirklich sind. Auch ich habe ihren Lippenbekenntnissen Vertrauen geschenkt. Allerdings wird das mündliche Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung für mich dann unglaubwürdig, wenn z. B. in den internen Publikationen dieser Gruppen ein völlig anderes Bild entsteht. Für mich gibt es Grenzen der Toleranz. Offenheit gegenüber Andersartigkeit funktioniert nur dann, wenn sie von allen Beteiligten als Wert geschätzt wird, wenn diese Basis des gemeinsamen Austausches bedingungslos vorhanden ist. Wenn eine Gruppe aber letztlich diesen demokratischen Grundsatz unserer Gesellschaft ablehnt, dann nutzt sie die Offenheit der Demokraten nur aus, um sich selbst Einflussräume innerhalb einer Gesellschaftsordnung zu schaffen, die sie abschaffen möchte.

Als mir klar wurde, dass die Offenheit der Burg beinhaltet, ziemlich kritiklos Bünde zu akzeptieren die Veranstaltungen besuchen, auf denen Holocaustleugner unterwegs sind, die mit neurechten Kreisen verflochten sind, deren Mitglieder formulieren, eine neurechte Milieubildung betreiben zu wollen und die die Burg Ludwigstein als wichtigen Knotenpunkt für ihre Bestrebungen ausgewählt haben … da gab es bei mir kein Verständnis mehr für den offenen Kurs der Burg.

Gab es denn Versuche die Politik der falschen Toleranz auf der Burg mit den Verantwortlichen zu diskutieren?

Es kam nie zu einem wirklich kritischen Dialog mit dem Leiter der Jugendbildungsstätte Burg Ludwigstein, Stephan Sommerfeld. Immer wieder wurden meine Hinweise als überzogen und unangemessen heruntergespielt. Nie wurde sich aber die Mühe gemacht, die Kritikpunkte wirklich zu widerlegen oder zumindest ernsthaft zu diskutieren. Als ich dem Jugendbildungsstättenleiter schrieb, dass eine Person, mit der er nach eigener Aussage über viele Jahre Kontakt pflegte, in sehr eindeutig rechten Kreisen aktiv ist, wurde meine E-Mail nicht beantwortet. Als ich kritisierte, dass auf dem Beräunertreffen auf Burg Ludwigstein Lieder von NS-Liedermachen gesungen wurden, bekam ich als Antwort, dass man dies nicht problematisch fände, man halte sie nicht für Nazi-Lieder, schließlich seien die Texte nach 1945 entstanden. Wir haben im STICHWORT ziemlich eindeutig unsere Haltung zu diesen Gruppen beschrieben. Bis heute hat sich keiner der Sprecher oder Bundesführer dieser Gruppen die Mühe gemacht, auf die Kritikpunkte adäquat einzugehen und diese zu widerlegen. Die einzige Reaktion war ein anwaltliches Schreiben der „Fahrenden Gesellen – Bund für deutsches Leben und Wandern e.V.“. Ein kritischer Dialog sieht anders aus.

Ich kann verstehen, wenn man sich als Leiter einer Bildungsstätte für einen offenen, toleranten Kurs einsetzt. Ich kann verstehen, dass man die Meinungsfreiheit hochhält, dass man für eine möglichst große Bandbreite von Gruppen die Burgtore offen halten will. Ebenfalls klar ist, dass es keine Gewissensprüfung am Burgtor geben kann. Und Kinder für die Ansichten ihrer älteren Gruppenleiter verantwortlich zu machen – auch das kann nicht der richtige Weg sein. Auch bin ich mit der Meinung d’accord, dass sich Jugendbünde verändern, dass man immer genau hinschauen muss; jeder Bund ist immer wieder neu zu betrachten. Das ist eine Offenheit, die ich begrüße.

Nur: was wir gerade erleben, ist etwas völlig anderes: Wir haben es hier mit Gruppen zu tun, die eine lange, nahezu ungebrochene völkische, neurechte Historie haben, Gruppen, bei denen ein Kurswechsel über all die Jahre nie erkennbar war, Gruppen, die die Kunst der Mimikry gut beherrschen. Es kann doch nicht sein, dass wir Feinden der Demokratie auch noch Möglichkeiten bieten und Räume verschaffen antidemokratisches Gedankengut zu verbreiten.

Herr Moesenfechtel, wir danken für das Gespräch.

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